Verfasst von: berlinfami | Februar 8, 2013

BIB Studienreise – Bibliothekslandschaft Südtirol

Vom 02.10. – 06.10.2012 machten sich 24 Bibliotheksbeschäftigte sowie interessierte Lebenspartner auf den Weg, um das Südtiroler Bibliothekswesen zu erkunden. Los ging es um 12.45 Uhr mit dem Flugzeug bis Verona. Von Verona aus wurden wir mit einem Shuttlebus abgeholt und erreichten nach zweistündiger Fahrt unser Hotel in Bozen. Nach dem Einchecken ging es auch gleich los zur ersten Bibliotheksbesichtigung. Herr Weger, Geschäftsführer des Bibliotheksverbands Südtirol, holte uns vom Hotel ab und führte uns durch die sonnig-warme Innenstadt von Bozen. Wir wurden in der Europäischen Akademie Bozen von Bibliotheksleiterin Antje Messerschmidt begrüßt. Sie berichtet uns von der Gründung der Europäischen Akademie und wie sie am Baugeschehen der Bibliothek von Anfang an mitwirken konnte. Das Bibliotheksgebäude beherbergt zwei Einrichtungen in einem: die Forschungsbibliothek (EURAC Library) und die Fachbibliothek im Bereich Umwelt und Ökologie ECO Library. Die EURAC Library dient als Präsenzbibliothek den 11 Forschungsinstituten. Die Bestände der „Eco Library“ sind hingegen frei zugänglich und auch für externe Benutzer ausleihbar. Die Medien beider Bibliotheken sind im Freihandbereich aufgestellt. Auffällig war die zweisprachige Regalbeschriftung in Deutsch und Italienisch, die uns später auch in anderen Bibliotheken begegnete. Nach der Bibliotheksbesichtigung informierte uns Dr. Volker Klotz, Leiter des Amts für Bibliotheken und Lesen, über die Südtiroler Bibliothekslandschaft. Beeindruckend war, dass bereits 1981 der Bibliotheksverband Südtirol gegründet und zwei Jahre später bereits ein Bibliotheksgesetz im Landtag verabschiedet wurde. Davon können wir in Deutschland bisher nur träumen. Nach dieser Einführung gab es für alle, mittlerweile hungrigen Teilnehmer ein leckeres Buffet mit belegten Häppchen und regionalem Wein und Saft in der Bibliothek. Der nächste Tag sollte der mit den umfangreichsten Bibliotheksbesichtigungen sein. Deshalb stand pünktlich 8.30 Uhr unser Reisebus bereit.

Landschaft Südtirol

Nach einer zweistündigen, kurvenreichen Fahrt durch das Grödnertal, über das  Grödner Joch ins Gadertal erreichte unser Bus die erste Station St. Martin in Thurn, wo wir das Ladinische Kulturinstitut (Istitut Ladin Micurà de Rü) besichtigten. Ladinisches Institut

Der Leiter des Instituts, Dr. Leander Moroder, informierte uns über die Geschichte der Ladinischen Sprache und Kultur. Weiter ging es mit dem Bus durchs Eisacktal Richtung Vahrn. Zunächst legten wir eine kurze Mittagspause ein um in einem großen, regionalen Supermarkt Spezialitäten des Landes zu erwerben oder uns ein Kaffeepäuschen zu gönnen. Die Bibliothek der Gemeinde Vahrn hat im Vergleich zu ihren rund 4000 Einwohnern einen für uns verhältnismäßig hohen Erwerbungsetat. Die Bibliothek ist im Besitz von vielen laufenden Zeitschriften und Tageszeitungen. Der Hauptnutzerkreis sind Eltern und Kinder. Die Bibliothek ist seit 2007 an eine Grundschule angesiedelt und ist mit ihren 10 000 Medieneinheiten und ihren idealen Bedingungen für Eltern mit Kleinkindern (beeindruckt hat uns der Krabbeltisch auf Rollen, der genau zwischen die Regale passte) auch attraktiv für auswärtige Benutzer.  Die Bibliothek nimmt an der Aktion „Bookstart“ teil, wo werdende Eltern bereits bei der Geburt ihres Nachwuchses wählen können, ob sie ein Buchpaket für Kleinkinder als Geschenk nach Hause geliefert haben möchten. Näheres zum Erfolg der Aktion findet man unter http://www.provinz.bz.it/kulturabteilung/jugendarbeit/3020.asp

Weiter fuhren wir zur Bibliothek des Klosters Neustift. Die Bibliothek hat einen Bestand von ca. 20 000 älteren Bänden bis zum 18. Jahrhundert und ca. 10 000 „neueren“ Bände. Der Chorherr, der uns durch die Bibliothek führte, berichtete dass überwiegend die weltlichere Literatur bei den Benutzern gefragt sei. Er betonte die Wichtigkeit des Sachkatalogs, der für die aufkommenden Suchwünsche von hoher Bedeutung war. Er zeigte uns große Folianten mit einer gregorianischen Liturgie sowie das älteste Notenblatt der Bibliothek, was aus dem 12. Jahrhundert stammte. Er erklärte uns, dass die Bücher auch heute noch gut erhalten sind, da man früher Pergament aus Schafsfell herstellte.

Im Anschluss hatte uns Daniel Weger ein Törggelen-Mahl auf einem Bauernhof, welcher zu einem Restaurant umgebaut war, reserviert. Törggelen ist ein Südtiroler Brauch während der Erntezeit. Wir bekamen ein umfangreiches 3-Gänge Menü, bestehend aus einer Vorspeise, einer deftigen Schlachteplatte und einer süßen Nachspeise in Form von gebackenen Krapfen, auf die ich mich am meisten freute und dafür sogar das ein oder andere Fleischstück unberührt ließ. Zum Essen wurde u.a. Wein aus aktueller Ernte („Heuriger“) serviert. Nach diesem langen Tag fuhr uns unser Busfahrer, den wir mit zum Törggelen (für ihn natürlich ohne den Wein zu probieren), mit eingeladen hatten, zu unserem Hotel nach Bozen zurück.

Am darauffolgenden Tag brauchten wir mal keinen Bus und schlenderten durch die Bozener Innenstadt zur Bibliothek des Humanistischen Gymnasiums. Die Bibliothek war 2009 neu eingerichtet wurden. Die Bibliothekarin wurde von Schülern und Lehrern, die stundenweise in den Pausen, Freistunden oder Nachmittagen die Aufsicht übernahmen, unterstützt. Die Bibliothek konnte somit 50 Stunden pro Woche geöffnet sein. Das ungewöhnlich an dieser Schule war, dass es auch Samstagsunterricht gibt. Die Schule hat ca. 830 Schüler und wird zu 2/3 von Mädchen besucht. Positiv angenommen wird von den Schülerinnen und Schülern auch die großzügige Dachterrasse, die im Sommer ein schöner Verweilplatz ist. Die Schüler haben spezielle Unterrichtsstunden in der Bibliothek und führen bis zu Ihrem Abschluss (Matura) eine Bibliotheksmappe, wo sie die Lehreinheiten des Bibliothekscurriculums dokumentieren. Der Schwerpunkt liegt hier bei der Vermittlung von Lese- bzw. Vorlesekompetenzen. Die Bibliothek organisiert auch in Zusammenarbeit mit dem deutschen Kulturamt Autorenbegegnungen zum Tag der Bibliotheken. Hätte die Bibliothekarin einen Wunsch frei, so würde sie sich über ein neues Bibliothekssystem freuen, da der alte Katalog nicht online zugänglich ist. Wer noch neugierig ist, findet weitere Infos in dem Blog der Bibliothek.

Danach liefen wir zur Bibliothek der Freien Universität Bozen. Ja, Freie Universitäten gibt es an mehreren Orten weltweit. Auch in Amsterdam hörte ich von einer „frijen“ Universität. Nun aber zurück zu Bozen. Die Universität wurde erst 1997 gegründet. Bisher gab es nur Universitäten im Norden (Innsbruck) und Süden (Trient). Man stellte fest, dass Südtirol zu wenig Akademiker hatte. Die neu gegründete Universität wurde auf 3 Standorte aufgeteilt. Die Aufteilung ist eher politisch so gewollt, als dass sie sich größerer Beliebtheit bei Studenten und Mitarbeitern erfreuen würde. Bemerkenswert war die familiäre Atmosphäre (nur 4000 Studenten) auf dem Campus und die stark internationale Ausrichtung der Hochschule. Bereits bei der Immatrikulation muss man nachweisen, dass man 2 der 3 Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch) beherrscht und verpflichtet sich im ersten Studienjahr einen Sprachkurs auf B2-Level zu belegen um eine Zulassung für das 2. Studienjahr zu bekommen. Die Bibliothek hat einen Bestand von 235 000 Monografien und legt ihren Schwerpunkt bewusst auf elektronische Ressourcen, wofür sie 80 % ihres Erwerbungsetats aufwendet. Dies hat auch den Hintergrund, dass die Studenten, die während ihrer Studienzeit ins Ausland gehen, optimal von ihrer Heimatuniversität versorgt werden sollen. Die Uni hat viele Vertragsdozenten, die nur für ein Jahr unterrichten. In diesem Fall muss der Proporz (eine Art Einstellungsquote nach Sprachgruppen) nicht berücksichtigt werden. Da diese Dozenten ihre Literatur besonders schnell brauchen, gibt es eine Art beschleunigte Erwerbung, was auch mit dem jeweiligen Buchhandel abgesprochen ist. So werden deutschsprachige Bücher innerhalb von 3 – 4 Tagen, englische innerhalb von 10 Tagen geliefert. Verwundert waren wir lediglich über die Lieferzeit von italienischsprachigen Büchern, die bei durchschnittlich 14-16 Tagen lag. Sobald die Bücher eingehen, werden sie an den Benutzer gegeben und später erst katalogisiert. Die Studenten haben einen engen Kontakt zu Fachreferenten, von denen sie eine Bibliothekseinführung bekommen und die bei der Literaturbeschaffung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ab 19 Uhr ist die Bibliothek mit studentischen Hilfskräften besetzt. Die Studenten haben die Möglichkeit nach 24 Uhr mit ihren Studentenausweisen in die Bibliothek zu kommen und ggf. auch Bücher am Selbstverbuchungsautomaten auszuleihen. Die Bibliothek hat für ihre 3 Standorte (Bozen, Brunneck und Brixen) insgesamt 22 Mitarbeiter. Die Auskunftstheke war geteilt, in einen Bereich für Basisinfos, der mit Mitarbeitern einer sogenannten „Genossenschaft“ abgedeckt wurde und einen Bereich für Fachfragen mit bibliothekarischem Fachpersonal. Die Katalogisierung wurde auch von den Mitarbeitern der Genossenschaft erledigt, die dafür überwiegend Fremddaten aus dem BVB (also auch unsere an der FU Berlin katalogisierten Datensätze werden für die UB Bozen weitergenutzt) und der LoC verwenden. Besonders war, dass je nach Sprache im jeweiligen Regelwerk katalogisiert werden muss.

Den Nachmittag hatten wir alle zur freien Verfügung und konnten je nach Interesse unter mehreren Besichtigungsmöglichkeiten wählen. Zur Wahl stand u.a. das Museion Bozen (moderne Kunst), weitere Museen in der Innenstadt sowie Schloss Runkelstein. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Um auf die Höhe des Schlosses zu gelangen, gab es einen  Busshuttle, der laut Auskunft der Touristikzentrale regelmäßig halbstündlich fahren sollte. Was wir nicht wussten war, dass es sich hierbei um einen Kleinbus bzw. eher Transporter handelte, der nur ca. 7 Plätze umfasste. Mit der Pünktlichkeit lief das dann nicht so gut. Wir warteten 20 Minuten länger und kein Bus kam. Ein Teil unserer Gruppe hatte sich bereits entschieden, zusammen ein Taxi zu nehmen, aber ich gehörte zum Rest der Gruppe die noch hartnäckig darauf vertrauten, dass der Shuttle kam, was dann tatsächlich der Fall war. Als wir beim Schloss ankamen, wurde uns bewusst, was Runkelsteine sind. Es gab einen steinigen Aufstieg und die Steine machten nicht nur der Hohen-Absatz-Fraktion (zu der ich zum Glück nicht gehörte) zu schaffen. Als wir auf Schloss Runkelstein ankamen war das Restaurant sehr voll und einige von uns konnten gerade noch so einen Platz bekommen, sodass sich die Gruppe erneut teilte. Einige nahmen gleich an der deutschen Führung teil, während ich zu letzteren gehörte, die einfach in diesem Moment nur eines im Sinn hatten: den Hunger zu stillen. Dies war auch gut so, denn die Mitstreiter, die nach uns kamen bekamen dann statt Mittagessen nur noch Kuchen und Kaffee. Hinunter liefen einige von uns einen 45 minütigen Wanderweg, der mitten in der Innenstadt endete.

Am Freitag ging es wieder mit dem Bus weiter. Diesmal war unser Ziel der Kulturpunkt Lana. Der Kulturpunkt Lana war ein Gebäude, was mehrere Träger untergebracht hatte. So fand neben der seit 2005 eröffneten Bibliothek auch die Volkshochschule, der Bildungsausschuss, Literaturverein und Verein der Bücherwürmer darin Platz. Architektonisch war das Gebäude wirklich etwas Besonderes. Der Rundbau wirkte durch die Verwendung von Holz und Stahl sehr hell und einladend. Der Bürgermeister kam vorbei um eine kurze Ansprache zu halten und hieß uns herzlich willkommen. Die Bibliothek hat 100 000 Ausleihen im Jahr und ca. 4500 aktive Benutzer. Der Bestand hat eine Größenordnung von 25 000 Medieneinheiten, wovon ca. 18 0000 Bücher sind. Die Gemeinde selbst hat 11 000 Einwohner. Der Bestand besteht überwiegend aus Kinder- und Jugendbüchern (2/3) und hat einen eigenen Interessenkreis für Eltern. Es gibt Schulklassen, die Einführungen zum Umgang mit Suchmaschinen bekommen und italienische Kindergartengruppen, die regelmäßig vor Ort sind. Es gibt mehrere Medienstationen, kostenloses WLAN und einen Rückgabeautomaten, der 24h pro Tag verfügbar ist.

Als letzte Bibliothek besichtigten wir die kleinste von allen angeschauten- die Gemeindebibliothek Rabland-Partschins. Die Gemeindebibliothek hat 2 Standorte, die seit 1997 von einer hauptamtlichen Bibliothekarin betreut werden. Die Bibliothek bekommt Unterstützung von 11 ehrenamtlichen Helfern, einem Vollzeitpraktikanten im Sommer, sowie einer Museumskraft für die Wintermonate. Das Ehrenamt hat in Südtirol eine andere Stellung als in Deutschland. Es gibt für die Ehrenamtlichen, die überwiegend aus Hausfrauen, Lehrern und Rentnern bestehen, auch spezielle Schulungen vom Bibliotheksverband Südtirol, sowie zweimal im Jahr eine Mitarbeitersitzung. Die Bibliothekarin Babara Rechenmacher versüßte uns den Aufenthalt in ihrer kleinen Bibliothek mit Weintrauben aus eigenem Anbau, wieder leckeren Krapfen mit unterschiedlicher Füllung und Saft sowie Wein aus der Region. Nebenan speisten wir in einem gemütlichem, mit viel Holz eingerichtetem Restaurant, bevor wir zu den Gärten von Schloss Trauttmansdorff aufbrachen. Das 12ha große Gelände, begeisterte uns mit seinen 4 Rundwanderwegen und 2 Ausblickpunkten, sowie Palmen und Sandstrand auf einer Hochebene.

Gärten von Schloss Trauttmansdorff

Das Wetter (23 Grad, Sonne) hatten wir dabei auch auf unserer Seite. Nach diesem dreistündigen, bewegungsreichem Programm (ja, der ein oder andere von uns verspürte am nächsten Tag Muskelkater) fuhren wir wieder zurück ins Hotel, wo wir nach dem Abendessen (einem leckeren Dreigangmenü) eine Abschlussdiskussion mit Herrn Weger und den Teilnehmern hatten. Wer glaubt unser umfangreiches Bibliotheksbesichtigungsprogramm ging damit zu Ende, der irrte. Auch für den Abreisetag stand noch der Besuch einer besondere Bibliothek- die Biblioteca Civica e Storici di Rovereto an. Die Bibliothek stammte ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert und hatte einen großen Bestand von 400 000 Bänden. Die Stadt Rovereto hat 40 000 Einwohner. Die Bibliothek, welche aus 4 Lesesälen besteht, hat Montag bis Samstag von 9-22 Uhr geöffnet und wird zudem sonntags von jenen Genossenschaftsmitarbeitern betreut, die es in Italien häufig gibt. Die Fakultät  der Universität von Trient hat keine eigene Bibliothek und ist deshalb im Untergeschoss des Gebäudes untergebracht. Im selben Gebäude gibt es auch ein Stadtarchiv und eine alte Druckerei, die zu Unterrichtszwecken noch für Schulprojekte genutzt wird und die wir auch besichtigen durften. Dies war die letzte Station unserer ausführlichen Reise durch die Bibliothekslandschaft Südtirol. Gegen 13 Uhr fuhr uns unser Bus zum Flughafen nach Verona, von wo aus wir gegen 15.45 Uhr den Heimflug antraten und leider auch das warme Klima hinter uns ließen. Unser Dank gilt neben unserem Vor-Ort-Organisator Herrn Daniel Weger, den engagierten Bibliotheksleiterinnen sowie BI International, die sich großzügig an unseren Reisekosten beteiligt haben.

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Responses

  1. @ Felicitas Isler: Danke fürs Verlinken ! Es haben schon 8 Leute aus der Schweiz auf den Beitrag zugegriffen.


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